„Hooligans gegen Salafisten“ in Köln – der größte extrem rechte Aufmarsch in NRW

Ein Augenzeugenbericht von mobim

Am Sonntag, den 26. Oktober eskalierte in Köln eine Demonstration, zu der die Gruppe „Hooligans gegen Salafisten” (Ho.Ge.Sa.) aufgerufen hatte, in schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nach massiver Mobilisierung in den sozialen Netzwerken versammelten sich zwischen 3000 und 4000 Personen auf dem hinter dem Kölner Hauptbahnhof gelegenen Breslauer Platz. Als Anmelder der Demonstration fungierte Dominik Roeseler, stellvertretener Vorsitzender von „Pro NRW“. Moderiert wurde die Auftaktkundgebung von Andreas „Kalle“ Kraul, einem Hooligan aus Herne, der zudem als „Regionalleiter West“ des Ho.Ge.Sa-Netzwerks firmiert. Die Demonstration sollte sich zum größten extrem rechten Aufmarsch in der Geschichte Nordrhein-Westfalens entwickeln.  Obgleich die Organisatoren von Ho.Ge.Sa behaupteten, eigentlich „unpolitisch“ zu sein und lediglich gegen Salafisten demonstrieren zu wollen, konnte am Sonntag über den eindeutig rassistischen und nationalistischen Charakter der Veranstaltung kein Zweifel bestehen.

„Kategorie C“ und „Nationaler Widerstand“

Rechte Hooligans, nationalistische Fußball-Fans, Neonazi-Skinheads, „Autonome Nationalisten“, Mitglieder und SympathisantInnen von “Die Rechte”, NPD oder der „Bürgerbewegung pro NRW“: Auf dem Breslauer Platz versammelte sich erstmals die gesamte Bandbreite des extrem rechten Spektrums. Organisierte Neonazis auszuschließen hatten „Hooligans gegen Salafisten” schon vor der Veranstaltung abgelehnt, jede und jeder sei willkommen, nur Parteifahnen sollten zuhause bleiben. Doch selbst diese Vorgabe spielte am Sonntagnachmittag keine Rolle mehr, wie mitgeführte Transparente des „Freien Netz Hessen“ und der „Identitären Bewegung“ zeigten. Die NPD und „Die Rechte“ hatten zuvor ihre Mitglieder zur Teilnahme aufgerufen, besonders letztere war mit einer großen Gruppe vor Ort vertreten.

Bereits im Vorfeld zeigte sich, wie weit nationalistische, rassistische und islamfeindliche Positionen sowohl unter den Veranstaltenden als auch den Teilnehmenden verbreitet sind. Um Salafismus und islamistischen Fundamentalismus ging es allenfalls am Rande.  Vielmehr handelte es sich um eine Machtdemonstration der extrem rechten  Szene – insbesondere auch derjenigen rechten Hooligans, die sich in ihrem Einfluss durch antirassistisch orientierte Fangruppen in „ihren Stadien” herausgefordert  fühlen. Sie hatten sich schon vor Monaten in Vorläufergruppen organisiert. Die Frontstellung gegen Salafisten bot ihnen einen willkommenen Anlass, um gegen die Einwanderungsgesellschaft insgesamt zu polemisieren.

Das Auftreten der Menschen, die sich vor der Bühne versammelt hatten, vermittelte nicht den Eindruck, dass sich hier lediglich „unpolitische Fußballfans“ trafen. T-Shirts von Neonazi-Bands, rechte Szenemarken und eindeutige Symbolik in Tätowierungen, auf Kleidungsstücken und Aufklebern waren omnipräsent, die Verhaltensweisen der VersammlungsteilehmerInnen gegenübergegenüber JournalistInnen und vermeintlich Andersdenkenden extrem feindselig. Fortwährend kam es  zu Beleidigungen und Drohungen, so dass sich Moderator Andreas Kraul gezwungen sah, sein Publikum von der Bühne aus zur Ruhe zu rufen. Einen mäßigenden Einfluss hatten diese Ansagen jedoch kaum. Vielmehr wurden schon kurz nach Beginn der Veranstaltung die ersten Böller gezündet. Aber auch von der Bühne aus wurde die Stimmung weiter angeheizt: Sprechchöre wie „Hooligans – Deutschland” oder “Wir wollen keine – Salafistenschweine” schallten durch die Lautsprecher. Hunderte stimmten in die Schlachtrufe ein. Nicht zum letzten Mal vermeldete der Moderator stolz: “Wir sind viele”.

Zeitgleich baute auf der Bühne die Rechtsrock-Band „Kategorie C“ ihr Set auf. Sie war als „Special Guest” angekündigt und bildete den Höhepunkt der Auftaktkundgebung. „Kategorie C“-Songs sind in den Ohren der meisten Teilnehmenden regelrechte Hymnen. Wie kaum einer zweiten rechten Band gelingt es ihr, sowohl organisierte Neonazis als auch rechtsoffene Fußballfans anzusprechen und auf den eigenen Konzerten zu vereinen. Als die Gruppe zu spielen begann, war der Breslauer Platz samt angrenzenden Straßen voll. Die Einsatzkräfte der Polizei konnten mit Mühe  einen Fluchtweg zwischen dem Kundgebungsplatz und dem Bahnhofsgebäude sowie zu den Eingängen der U-Bahn-Station frei halten.

Demonstration eskaliert

Im Anschluss an die Kundgebung formierte sich die angemeldete  Demonstration durch das anliegende Kunibertsviertel. Trotz zahlreicher Verstöße gegen die Versammlungsauflagen, zu denen Verbote von Alkoholkonsum, Pyrotechnik und Vermummung zählten, konnte sich der Zug in Bewegung setzen. Insgesamt wirkte die Situation auf die anwesenden BeobachterInnen chaotisch. Um die große Demonstration lückenlos begleiten zu können, hätte die Polizei deutlich mehr Einsatzkräfte benötigt. Die gewaltsuchende Menschenmenge unter Kontrolle zu halten, war daher kaum möglich. Immer wieder warfen die Rechtsextremen Feuerwerkskörper, Steine und Flaschen auf PolizistInnen sowie auf Wohnungen von AnwohnerInnen, die in den Augen der RassistInnen für „Ausländer“ gehalten wurden. Die Attacken richteten sich auch gegen  PassantInnen und JournalistInnen. Die Polizei musste schließlich Wasserwerfer einsetzen. Nach einiger Zeit wurde die Demonstration aufgelöst. Aus der Mitte der Demonstrierenden konnte man immer wieder eindeutige Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand”, „Frei, sozial und national” und „Ausländer raus“ hören.  Auch im Straßenbild hinterließen die Rechtsextremen einen hoffentlich nicht allzu lang bleibenden Eindruck. Überall klebten Aufkleber von NPD, „Identitären“ und verschiedenen Kameradschaften aus dem gesamten Bundesgebiet.

Als die Teilnehmenden der aufgelösten Demonstration wieder am Versammlungsort eintrafen, eskalierte die Situation vollkommen. Nur wenige begaben sich wieder vor die Bühne, wo die Abschlusskundgebung mit dem Auftritt des Neonazi-Rappers „Villain051“ und der Sängerin der Rechtsrock-Band „Wut aus Liebe“ stattfinden sollte. Stattdessen standen sich an der Johannesstaße Polizei und gewalttätige DemonstrantInnen gegenüber, die Steine und andere Gegenstände in Richtung der Einsatzkräfte warfen und einen Polizeiwagen umkippten. Irgendwann gelang es der Polizei die Situation wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen, nachdem auch im Bahnhof randaliert worden war. Ohne Begleitung von Polizeikräften machten sich die Ho.Ge.Sa-Teilnehmenden auf den Heimweg. AugenzeugInnen berichteten von rassistischen Bedrohungen, Gewalttaten und extrem rechten Gesängen in zahlreichen Regionalbahnen. Die Rechtsextremen feierten den Tag als „Sieg über die Polizei“. Auch in der Kölner Innenstadt machten Neonazis Jagd auf vermeintliche Linke.

Die Polizei berichtete im Nachgang von 17 „freiheitsentziehende Maßnahmen“ und einen durch die Bundespolizei vollstreckten offenen Haftbefehl. Über 40 PolizeibeamtInnen seien verletzt worden. Dennoch war der Einsatz nach Einschätzung des Einsatzleiters Klaus Rüschenschmidt gelungen: „Wir waren ausreichend und angemessen auf diesen Einsatz vorbereitet.“ Während es der Polizei nicht gelang, Gewalttaten im Kunibertsviertel zu verhindern, konnte zumindest ein Durchbruch rechter Hooligans und Neonazis zu einer auf dem Bahnhofsvorplatz stattfindenden Gegendemonstration unterbunden werden. Dort demonstrierten zwischen 800 und 1200 Menschen unter dem Motto „Schulter an Schulter gegen Rassismus und religiösen Fundamentalismus“ sowohl gegen das Ho.Ge.Sa.-Treffen als auch den Salafismus.

Wie geht es weiter?

Wie sich das politische Projekt Ho.Ge.Sa. nach dem Mobilisierungserfolg von Sonntag weiterentwickelt, ist offen. Für den 15. November wird bereits die nächste Demonstration, diesmal in Hamburg, angekündigt. Der verantwortliche Anmelder zog seine Versammlungsanmeldung mittlerweile zurück. Dennoch geht die Mobilisierung im Internet weiter, die Szene sucht nach einem Ersatz. Zugleich zeigen sich erste Bruchlinien innerhalb der neuen „Bewegung“. Einige wenige Hooligan-Gruppen und Einzelpersonen, die an der Demonstration in Köln teilgenommen hatten, distanzieren sich mittlerweile von Ho.Ge.Sa. Die Veranstaltung sei zu unorganisiert gewesen, das Verhalten mancher Teilnehmenden „peinlich“. Auch versuchen weitere extrem rechte Gruppen das Label Ho.Ge.Sa. für Ihre Zwecke zu nutzen. So wollen die InitiatorInnen der Montagsmahnwachen und sogenannte Reichsbürger Ho.Ge.Sa für die Teilnahme an einer Demonstration am 9. November in in Berlin gewinnen.

Mittlerweile haben einige Bundesligavereine wie Fortuna Düsseldorf und Bayer 04 Leverkusen reagiert und Kleidung mit Ho.Ge.Sa-Symboliken im Stadion verboten. Der FC Schalke 04 prüft zurzeit ebenfalls ein Verbot. Auch einige Ultra-Gruppen haben sich öffentlich gegen Ho.Ge.Sa positioniert. Aktive von Ultra-Gruppen nahmen ohnehin nur vereinzelt an der Ho.Ge.Sa.-Kundgebung teil. Allerdings beteiligten sie sich bislang auch nicht am Gegenprotest. Aus Reihen der Fußballfanszenen wird deshalb Selbstkritik geäußert: „Wir, wie auch alle anderen aktiven Fans, sollten uns auch an die eigene Nase fassen: Während antifaschistische Initiativen und Kurdische Gruppen wie die ‘Perspektive Kurdistan’ in Köln zu einem Gegenprotest aufriefen, hat es nicht eine einzige Fangruppe im gesamten Land im Vorfeld der Demonstration auf die Reihe bekommen, ebenfalls zu den Gegenprotesten aufzurufen“, so das „Bündnis Aktiver Fußballfans“ (BAFF) in einer Stellungnahme. Eine klare Linie sämtlicher Fußballszenen gegen die rechte Klientel sei dringend nötig. BAFF hofft, dass der Protest gegen die rassistischen Ho.Ge.Sa-Versammlungen zukünftig stärker von aktiven Fans unterstützt werden.